Entscheidung zur Lebendigkeit

Bewusst erlebte SchamÜber Lebendigkeit schreiben – geht das überhaupt?

Während ich diesen Text schreibe male ich mir aus, in welcher Situation du ihn wohl lesen wirst. Vielleicht sitzt du irgendwo in einem Cafe, nippst hin und wieder an deiner Tasse, isst ein Stück Kuchen. Vielleicht bist du zuhause und sitzst vor deinem PC? Oder du bist gerade im Zug und vertreibst dir die Zeit mit lesen?

In welcher Situation auch immer du dich befindest: was siehst, hörst, schmeckst, riechst und tastest du? Nimm dir mal kurz Zeit um zu spüren, sehen, fühlen, was du innerlich und von deiner Umgebung wahrnimmst.

Phantasie wirkt anregend

Wenn ich das Wort Lebendigkeit höre, entsteht in mir spontan eine Flut von Assoziationen: Begeisterung, Lebenslust, Lachen, Begegnung, Körperlichkeit, ausgelassen tanzen, singen oder schreien, Sex, Bewegung und nochmal Bewegung…

Und dann schaue ich mir das an und frage mich, was ich denn jetzt im Moment davon erlebe? Wenn ich ehrlich bin, nicht viel. Ich sitze vor meiner Tastatur und denke nach, während ich äußerlich nahezu unbewegt möglichst schnell meine Finger bewege. Bin ich jetzt nicht lebendig? Was bin ich denn dann? Ich atme, mein Herz schlägt, mein Blut fließt durch meine Adern, ich spüre den kühlen Boden unter meinen Füßen, die warme Kleidung auf meiner Haut, ich schaue durchs Fenster auf die Straße und beobachte die Leute…

Vermutlich ist es egal, was ich tue oder was geschieht – das Entscheidende ist meine Beteiligung daran. Phantasien lösen Empfindungen aus. Die Vorstellung, dass mir jetzt in diesem Moment ein geliebter Mensch sanft über den Rücken streicht fühlt sich toll an! Aber das bekomme ich nur mit, wenn ich dieses Bild aufsteigen lasse und mich den Körpererinnerungen ganz öffne, die dabei wachgerufen werden.

Vor mir sehe ich die trockenen Balkonkästen. Ich stelle mir vor, in die Erde zu greifen und sie zu lockern. Ich spüre geradezu physisch die Wurzeln an meinen Fingern, rieche die alte, trockene Blumenerde…

Und dann fallen mir viele weitere Phantasiereisen dieser Art ein. In eine frische Zitrone zu beißen. Barfuß über ein Schotterbett zu gehen. Der Knall eines Gewitterdonners. Mich auf einer Tanzfläche austoben. Auf dem Rücken in einer Wiese zu liegen und in den Sommerhimmel zu blicken, den Geruch des frisch gemähten Grases in der Nase.

Wenn ich mir Zeit nehme, mich wirklich in diese Bilder vertiefe und all‘ diese sinnlichen Erinnerungen in meinem Körper spüre, dann werde ich hier vor meinem Computer ganz wach und lebendig!
Es ist im Grunde banal, weil wir alle das immer wieder erleben. Auch sexuelle Phantasien funktionieren so.

Die Lebendigkeit in der Scham

Ich stehe in der U-Bahn. Es ist nicht besonders voll. Ein paar Menschen reden miteinander, die meisten sinnieren vor sich hin. Manche beschäftigen sich mit ihrem Handy, spielen oder schreiben irgendwas.

Dann stelle ich mir vor, den Mund zu öffnen und laut und vernehmlich ein Lied zu singen, irgendein Lied. Am stärksten ist die Wirkung, wenn ich auf Deutsch singe, weil mir diese Sprache am nächsten ist. Ich stelle mir vor, was die Menschen tun werden. Die meisten werden hören und sehen wie ich singe und auch den Text verstehen. Ich lasse meinen Blick durch den Wagen schweifen, bleibe an dem einen oder anderen Augenpaar hängen. Ich nehme Kontakt mit einzelnen Menschen auf, während ich singe, zeige mich, bin schutzlos dem ausgeliefert, was gemeinhin Peinlichkeit genannt wird. Ich habe gelernt, dass man hierzulande so etwas nicht tut. Ich tue so etwas nie. Ich traue mich nicht, aus der Reihe zu treten und Außenseiter zu werden.

Scham. Bewusst erlebte Scham, die Scham, für die ich mich jetzt entscheide kann elektrisieren. Alles in mir ist in Aufruhr. Ich bin hellwach und total präsent. Dabei ist es zunächst egal, was die Menschen um mich herum tun. Die meisten werden irgendwie auf mich reagieren. Und vermutlich werden die meisten versuchen, mich zu ignorieren.

Ich kann jederzeit aufhören und wieder in die Unscheinbarkeit zurücktreten. Bei der nächsten Station verlasse ich den Zug und alles ist wie vorher. Ich bin wieder in der Anonymität geschützt und kann mich ausruhen, wieder „runterkommen“. Und vielleicht irgendwann das nächste Experiment wagen.

Wichtig ist dabei, dass ich mich diesen Gefühlen öffne ohne mich zu überfordern. Die Lebendigkeit entsteht, wenn ich ganz und gar beteiligt bin, und das geht nur, wenn es nicht zuviel ist. Zunächst kommt es gar nicht drauf an, ob ich tatsächlich in der U-Bahn singe. Es beginnt damit, was allein meine Phantasie für eine Körperwirkung hat. Und es ist zunächst nur wichtig, diese Wirkung bewusst wahrzunehmen, sie auszukosten, alles zu spüren und dabei ganz im Kontakt mit mir selbst und meiner Umgebung zu bleiben.
Probiere es aus! Was ist dein „singen in der U-Bahn“? Was erschreckt dich und zieht dich gleichzeitig an? Lass dir Zeit für solche Phantasien. Bleib dran, finde dein eigenes Tempo und gehe innerlich weiter, gib dem, was du erlebst immer mehr Raum. Vielleicht stößt du auf Erfahrungen, durch die du bis heute deinem Sehnen nach deiner ganz eigenen Lebendigkeit nicht nachgehst. Stell dir vor, innerlich vor einer Tür zu stehen, mit einem Schild, auf dem ein Wort oder ein Satz für diese Erfahrung steht. Das kann eine tiefe Überzeugung sein, warum „es nicht geht“, das zu tun, was du dir wünschst… Die Tür mag verschlossen sein, dennoch kann sie der Eingang zu etwas sein, das dir fehlt um dich ganz zu fühlen. Und wenn du den Drang verspürst, diese Tür zu öffnen – was brauchst du dafür? Versuche herauszufinden, was oder wer dir dabei helfen kann.

Lebendigkeit in wahrhaftiger Begegnung

Wir stehen oder sitzen voreinander und unterhalten uns. Auf einer Party, auf der Straße, egal. Wir reden Belangloses, erzählen uns aus unserem Alltag und was wir in der letzten Zeit getan haben. Hin und wieder begegnen sich unsere Blicke, doch ansonsten passiert nicht viel zwischen uns.

Plötzlich merke ich, dass ich mit meiner Aufmerksamkeit schon seit einiger Zeit woanders bin und dass ich nicht mehr wirklich zuhöre. Ich ermüde und beginne, mich zu langweilen. Das schleicht sich an. Wenn du möchtest, stell dir sich auch hier wieder vor, du wärst jetzt in so einer Situation. Wie fühlst du dich? Wie reagiert dein Körper? Wie atmest du? Was sagt die Höflichkeit, dein Sicherheitsbedürfnis zu der Situation?

Und dann machst du in deiner Vorstellung das, was du aus deinem Bauch heraus wirklich, wirklich tun willst.

Ich entscheide mich. Ich sage meinem Gegenüber, dass ich unser Gespräch verändern will. Wir hören auf zu plaudern und statt dessen entsteht ein Raum zwischen uns, der erst einmal leer ist. Da kann so etwas wie Verlegenheit oder Peinlichkeit entstehen. Wie geht es denn jetzt weiter? Möglich, dass mein Gegenüber froh darüber ist, endlich nicht mehr plaudern zu müssen („Konversation machen“), sondern mit mir in echten Kontakt treten kann. Wir beziehen uns direkt und offen aufeinander. Es kann auch sein, dass dieser Mensch zurückweicht, befremdet reagiert und nichts mit meinem Angebot anfangen kann.
Was auch immer geschieht – bin ich bei diesem Gespräch wirklich anwesend? Bin ich „bei mir“, bin ich ganz bei dem, was ich im Augenblick tue? Selbstverständlich kann ich mich in einer Plauderei sehr wohl fühlen. Wichtig ist nicht die Art des Gesprächs oder der Situation. Wichtig ist, welche Wahl ich treffe, wenn ich mich unwohl fühle oder wenn ich mich so gut fühle, dass ich Lust auf irgendeine Veränderung bekomme.

Denn es kann ja so sein: Es geht dir so gut mit diesem Menschen, dass du dir mehr Nähe wünschst. Und du möchtest ihr oder ihm das einfach sagen. Du hast diesen Menschen zum ersten Mal gesehen und willst ihn oder sie schon anfassen. Vielleicht nur ganz kurz, ganz leicht…einfach so… Und du weißt nicht, wie das ankommen würde und ob diese Berührung willkommen ist oder wie es dann weitergeht.

Oder im Gegenteil fühlst du dich abgestoßen von deinem Gegenüber. Er oder sie sagt Dinge, die dir völlig gegen den Strich gehen, kommt dir zu schnell zu nahe, vielleicht auch körperlich, hat einen unangenehmen Mundgeruch oder stinkt nach altem Schweiß, benimmt sich in einer Lautstärke, die Kontakt schier unmöglich macht. Du willst dich abgrenzen und hast den Impuls, etwas dazu zu sagen.

Spricht etwas dagegen? Wenn ja, was ist „es“? Und was genau sagt „es“?

Lass dich in deiner Vorstellung das Risiko eingehen und deinem Impuls folgen. Du überschreitest eine Grenze in der „normalen“ Begegnung mit Worten oder einer Geste. Wie fühlst du dich dabei?

Die Spannung zwischen Bedürfnis und Schutz

In den hier beschriebenen Beispielen wird deutlich, dass wir immer wieder wie Kinder Impulse aus unserer Lebendigkeit heraus erleben und dass es zu diesen Impulsen auch Gegenspieler geben kann. Aus irgendwelchen Gründen halten wir uns zurück, das zu sagen oder tun, was wir wollen. Bisweilen gibt es sehr gute und vernünftige Gründe für diese Zurückhaltung und sie kann eine ganz wichtige Schutzfunktion haben. Doch wenn du dadurch vor deinem Bedürfnis stehenbleibst, wirst du immer unzufriedener.

Vielleicht kennst du den einen oder anderen Satz:

„Wenn du so bist, bist du böse!“
„Brave Kinder tun so etwas nicht!“
„Wenn du sowas sagst (oder machst), bist du peinlich!“
„Ich bin zuviel!“
„Wenn die anderen wüssten, wie ich wirklich bin, würden sie sich abwenden!“
„Wenn ich sage, was ich will, werde ich bestraft!“
„Wenn du das tust, dann hab ich dich nicht mehr lieb!“
„Wer mir nahe kommt, wird mir weh tun und das ertrage ich nicht!“

Du stehst vor einer inneren Polarität: du willst etwas sagen oder tun und spürst gleichzeitig, dass du dich zurückhältst, weil du nicht kannst. Oder weil Verbote dagegen sprechen. Oder weil du in einer ähnlichen Situation zu sehr verletzt worden bist. Oder weil du das schon kennst und weißt, wie es ausgehen wird. Oder, oder, oder…
In einem gestalttherapeutischen Prozess werden solche Polaritäten deutlich und spürbar.

Das Bedürfnis und der Schutz vor der erfüllenden Handlung werden gleichermaßen beleuchtet und gewürdigt. Oder, um genau zu sein, du selbst beleuchtest und würdigst dein Bedürfnis und deinen Schutz. In diesem Prozess lernst du dich immer besser kennen und übernimmst Verantwortung dafür, wie du mit dir selbst und mit dem, was dir widerfährt, umgehst. Wenn du deine ganze Bandbreite an Gefühlen und Erlebnissen willkommen heißt und dort wieder Bewegung zulässt, wo du vielleicht vor Schreck erstarrt bist, veränderst du sich selbst. Dazu gehört auch die oft unterdrückte und körperlich erlebte Spannung zwischen den beiden Polen. Der Schmerz, der in dieser Spannung gebunden ist, kann sich auflösen; die festgehaltene Lebenslust und Energie steht dir wieder zur Verfügung. Du kannst dich für eine Handlungsoption entscheiden und aus der Frustration in deine Lebendigkeit zurückfinden.

Pass auf dich auf! Schütze dich! Doch wenn du dich zu sehr schützst, opferst du deine Lebendigkeit. Mach dich auf in das Unbekannte und suche dir die richtige Unterstützung dafür.

Als Gestalttherapeut biete ich dir einen Raum, in dem du respektvoll von außen geschützt wirst. Hier hast du die Möglichkeit, dich selbst zu betrachten, deinen inneren Schutz zu benennen und wahrzunehmen. Ich begleite dich dabei, wenn du Schritt für Schritt und in deinem Tempo entscheidest, wann du dich schützen und wann du deinen Schutz beiseite legen und etwas Neues wagst. So begegnen wir beide dem verletzten Teil von dir, den du verbirgst. Ich lade dich ein, deine Grenzen und deine Bedürfnisse kennen zu lernen. Steig aus automatischen Schutzreaktionen aus und finde, was du brauchst, um in deinem Alltag bewusst zwischen Offenheit und Rückzug wählen zu können.

Foto: felicitas95, „Toilettentyp“ (Some rights reserved)
Quelle: www.piqs.de