Männer? Gruppen?

Männer und VerletzlichkeitenEine leichte Spannung liegt in der Luft. Wir Männer stehen im Raum umher und wissen noch nicht so recht, wo wir hier sind und was uns erwartet. Manche freuen sich darüber, dass wir unter uns sind. Andere fragen sich im Stillen „was mache ich hier?“und wollen sofort wieder weg! Wieder andere lassen sich Zeit, suchen sich eine Ecke, versuchen, ihre leichte Aufregung zu neutralisieren. Dann gibt es die, die gleich die Zeit nutzen wollen und Gespräche beginnen, Kontakte knüpfen.

Es ist keine Party und keine Kneipe. Es ist auch keine Geschäftsbesprechung. Es ist auch nicht der Vorraum einer Konferenzhalle, in dem alle warten, dass das Programm losgeht. Naja, ein bisschen davon noch am ehesten.

Denn um 19:00 Uhr geht es tatsächlich los. Da werden wir in einen Kreis gerufen und spätestens zu diesem Zeitpunkt endet der mitteleuropäische Alltagsbezugsrahmen unserer Männerwelt. Jetzt geht es darum, auf einem der Sitzkissen Platz zu nehmen, die im Kreis auf dem Boden liegen.

Selbsterfahrungs-Männergruppen sind Experimente.

Mit im Kreis sitzen die Gruppenleiter. Und einer von ihnen eröffnet das Programm, den Abend. Wir bekommen erklärt, was das hier ist und wie der Abend ablaufen soll. Oder auch nicht. Das ist anscheinend nicht so klar. Auch worum es genau geht, bleibt unbestimmt. Na, mal sehen. Jetzt sollen wir erstmal nacheinander erzählen, „wie wir hier sind und was wir uns wünschen“.

Das alles trägt nicht gerade dazu bei, Sicherheit und Entspannung zu fördern.

Soll es auch nicht.

Genau deshalb machen wir das ja auch. Wir Männer hierzulande sind es gewohnt, zielgerichtet und effektiv vorzugehen. Eine Absicht zu verfolgen und produktiv zu sein. Das haben wir mehr oder weniger gelernt und das wird in allen möglichen gesellschaftlichen, kommerziellen und beruflichen Zusammenhängen von uns gefordert. Manchmal auch in unserem Familienleben. Kann mann alles nachlesen. Und Stressmanagementkurse besuchen. Und Männerpoweryoga machen.

Das ist hier anders. Zumindesten soll es anders sein. Wir wollen einen Gegenentwurf zu dem motorgetriebenen Leben schaffen. Vom Getriebensein zum Treibenlassen. Zugegeben, da steckt ein bisschen der Trotz des Absoluten drin. Ganz so ungesteuert oder „absichtslos“ geht es nun doch nicht.

Denn auch eine Männergruppe ist mit Absicht entstanden.

Wir sitzen nun hier, um aus den drei Stunden etwas zu machen, das unser Leben verändern soll. Es gibt keine Vorgaben, kein offizielles Thema.
Was können wir Männer aus so einem Raum machen? Also wozu sollten wir uns hier aufhalten und uns „einbringen“?

Ich glaube, dass das Innehalten wichtig ist, um das eigene Leben anders anzuschauen und etwas Neues zu entdecken. Und Innehalten bedeutet, einen Leerraum zu schaffen. Wir betreten einen neuen Raum mit neuen Menschen, in dem und mit denen wir uns nicht auskennen. Es gibt kein Ziel und wir werden nicht gefragt, was für uns am Ende herauskommen soll.

Doch wir alle füllen den Raum mit Leben. Mit unserem Leben. Mit unserem Alltag und unserer Vergangenheit. Und unserer Persönlichkeit, unserer Selbstwahrnehmung.

Eine Männergruppe lebt von offenen Fragen

Wir haben etwas vor, das wir in unserer gewöhnlichen Alltagsumgebung mit Männern nicht machen: Experimente mit Begegnung.

„Ich will mich selber spüren in Gegenwart und im Kontakt mit den anderen Männern. Das ist kein Plan, das ist eine innere Haltung der Offenheit und des Wohlwollens. Das ist kein Konzept, sondern mein Vorsatz, diesen Männern zu vertrauen. Oder ihnen zu sagen, das ich ihnen nicht vertraue. In diesem Kreis will ich endlich mal erzählen, dass ich mich vor Männern fürchte, und zwar schon seit ich ein kleiner Junge war. Und dass ich aus irgendeinem Grund sauwütend und traurig bin. Oder dass ich froh bin, hier zu sein und allmählich zur Ruhe und zur Erde komme. Oder mich traue ihnen zu sagen, dass ich noch nie mit einem Mann über Sex geredet habe. Dass ich Männer nicht anfassen will. Und das ich trotzdem in dieser Gruppe bin und versuche herauszufinden, warum. Was mich hierher ruft.“

Und am Ende des Abends ist die Zeit verflogen. Niemand weiß, wie es kam, aber die Unsicherheit ist fort. Statt dessen sind wir zusammen. Wenn alle ihre Wahrheit sprechen und handeln, entsteht in diesem Kreis an einem Abend eine Gewissheit und eine Mitte.

Eine Männergruppe ist keine Kameradschaft

Wir Männer sind Söhne und Enkel. Viele unserer Väter und Großväter sind mit Kameradschaften und der Hitlerjugend konfrontiert gewesen, ob sie nun dabei waren oder nicht. Das waren Instrumente der Ausrichtung und zur Förderung der Wehrhaftigkeit. Es ging immer um was, nämlich um Wettbewerb, um Ertüchtigung, um Kampfgeist. Sportsfreunde wurden gefördert und Zusammenhalt im Sinne einer Einheit. Einer für alle, alle für einen – die Politik der Konformität auf Kosten der wirklichen Bedürfnisse. Und das war tief in die Gesellschaft eingegraben und wurde (auch) genetisch weitergegeben.

Dagegen verunsichert und desorientiert der leere Raum zunächst. Stille, offenbarte Schwachheit, Verletztlichkeiten und echte Intimität untergraben die Entschlossenheit und den Kampfgeist. Hinzu kommt der Anspruch, miteinander unsere Unterschiede zu ergründen anstatt sie zu eliminieren.

Wir Männer brauchen Intimität miteinander. Mit uns selbst und mit anderen Männern. Wir müssen sie uns zurückholen. Es ist an der Zeit, uns in die Arme zu nehmen und die Unsicherheiten zu genießen. Versiert zu werden mit dem Nichtweiterwissen und den ungelösten Fragen in uns.

Männer! Wir verlieren nichts! Wir sind genauso Krieger und Liebhaber wie wir das schon immer waren. Doch wir haben die Chance, die Traumatisierungen unserer Väter zu anzuschauen.

Männerarbeit ist Friedensarbeit.

Der neue Mann ist paradox

Manchmal denke ich, dass sich vielleicht allmählich ein neuer Archetypus zeigt: der bewusst paradoxe Mann. Einer, der sich von der eigenen Kraft überraschen lässt, wenn er seine Schwachheit zeigt und sie zu sich nimmt. Einer, der sich in das eigene innere Chaos fallen lässt ohne darin unterzugehen. Einer, der Schicht um Schicht von seinem Schutz ablegt und deshalb immer würdevoller, selbstsicherer und kraftvoller wird. Der, der nichts über sich und die Welt „weiß“ und deshalb Zugang zu seiner Intuition bekommt und sie vertrauensvoll nutzt. Der, der andere irritiert, weil er zuverlässig eigenartig ist. Ein verantwortungsvoller Erwachsener, der seinem inneren Kind die Welt zeigt und sich von ihm leiten lässt.

Wir sind alle ungleich und unser freundlicher, respektvoller Blick darauf eint uns.

Lasst uns rohe, ungehobelte Machos sein, albern und politisch unkorrekt, weil wir gleichzeitig kultiviert, zugewandt und in Respekt und Liebe sind und uns frei zwischen diesen Polen bewegen.

Lasst uns Männer sein, die wissen, in welche kriegerischen Höllen ihre Väter und Großväter geblickt haben und der Selbstverachtung unsere Achtung entgegensetzen.

Lasst uns pathetisch und nüchtern sein und laut lachen! Unberechenbar und eindeutig! Einfach in unserer Komplexität! Im Hass die Liebe und in der Liebe den Hass erkennen!

Lasst uns große Räume halten, deren Teil wir sind!